Zwei Lager, eine falsche Frage
Rund um KI-gestützte Software-Entwicklung haben sich zwei Lager gebildet. Die einen sagen: Die KI schreibt bald den ganzen Code, Entwickler werden überflüssig. Die anderen sagen: alles Hype, am Ende taugt der generierte Code nichts.
Beide liegen daneben, weil beide dieselbe Frage stellen: Wie viel kann die KI übernehmen? Die interessantere Frage ist eine andere: Wo gehört das menschliche Urteil hin? Wir arbeiten täglich mit KI, seit ChatGPT im November 2022 öffentlich wurde, heute vor allem mit Claude Code. In dieser Zeit hat sich die Antwort für uns ziemlich klar herausgeschält.
format_quoteKI ist für uns ein Werkzeug in erfahrenen Händen. Nicht ein Ersatz für die Hand.
Stefan Hess
Wo KI die Arbeit beschleunigt
In unserer Arbeit beschleunigt KI vieles ganz konkret. Ein erster Entwurf für eine neue Funktion. Tests, die eine bestehende Funktion absichern. Eine Migration, die früher Tage gekostet hätte und heute in Stunden erledigt ist. Dokumentation, die sonst liegen bliebe. Das Durchspielen mehrerer Lösungswege, bevor man sich für einen entscheidet.
Das ist real, und wir nutzen es. Einen Teil dieser Effizienz geben wir an unsere Kunden weiter: Sie bekommen in derselben Zeit mehr Software oder dieselbe Software früher.
Wo sie in die Irre führt
Die Entscheidungen, auf die es ankommt, trifft die KI nicht. Ob eine Funktion überhaupt gebaut werden soll. Ob eine Abkürzung heute in zwei Jahren teuer wird. Ob ein Datenmodell die Ausnahmen abbildet, die dieses eine Unternehmen ausmachen. Ob eine Lösung eine Sicherheitslücke öffnet, die erst auffällt, wenn es zu spät ist. Das sind keine Fragen der Rechenleistung, sondern der Erfahrung und des Kontexts.
Wer KI ohne dieses Urteil einsetzt, erlebt ein typisches Muster: Das erste Drittel eines Projekts wirkt magisch, dann beginnt eine Schleife aus Fehlersuche, strukturellen Problemen und Code, den niemand mehr versteht. Wir sehen regelmässig Projekte, die als reine KI-Improvisation begonnen haben und in einer Sackgasse gelandet sind. Eine Reparatur kostet dann mehr als ein sauberer Anfang.
Was das für Sie als Auftraggeber heisst
Der Wert erfahrener Entwickler sinkt in dieser Welt nicht. Er verschiebt sich: weg vom Tippen, hin zum Entscheiden. Genau deshalb wird Senior-Erfahrung wichtiger, nicht unwichtiger. KI schreibt Code schneller als jeder Mensch. Verantworten muss ihn trotzdem ein Mensch.
Wenn Sie ein Software-Projekt vergeben, lohnen sich drei Fragen an den Anbieter. Wer prüft den generierten Code, bevor er in Ihr System kommt? Wer trifft die Architektur-Entscheidungen, und wie werden sie festgehalten? Und wie kommen die Effizienzgewinne durch KI bei Ihnen an — im Preis, im Tempo oder gar nicht?
KI-automatisch heisst: die Maschine laufen lassen und hoffen, dass hinten etwas Brauchbares herauskommt. KI-nativ heisst: KI dort einsetzen, wo sie Tempo bringt, und das Urteil dort behalten, wo es hingehört.




